Deutschland und die Digitalisierung, warum wir uns oft selber im Weg stehen

・verfasst von Florian Werner


Deutschland und die Digitalisierung, das ist ein zweischneidiges Schwert, wie es konträrer nicht mehr sein könnte. Einerseits haben wir top moderne und innovative Firmen und auch Start-ups, die revolutionäre Ideen auf den Markt bringen. Andererseits stehen wir uns oft selbst erheblich im Weg und blockieren unseren eigenen Fortschritt. Mir fällt dazu sofort das Zitat von Frank Thelen aus seinem Buch “Start-up DNA” ein, der meinte: “Ich glaube, die EU möchte den Fortschritt stoppen, aber ich glaube, dass sie ihn nicht einmal verlangsamen kann”.

Der letzte große digitale Weltmarktführer

Wenn wir den letzten großen digitalen Weltmarktführer aus Deutschland suchen, müssen wir schon einige Jahre in die Vergangenheit reisen, nämlich bis zu SAP. Das Softwareunternehmen aus dem baden-württembergischen Walldorf wurde bereits 1972 gegründet. Seitdem ist Funkstille am deutschen Markt. Alle großen digitalen Weltmarktführer seitdem kommen aus anderen Ländern. Von Facebook über Google bis zu Amazon und Alibaba - diese Liste könnte man noch lange erweitern. Erst nach einigen Stellen würde mit Spotify zumindest ein europäisches Unternehmen erscheinen. Die schwedische Firma ist eines der wenigen Unternehmen, die es aus der EU heraus geschafft haben, im Weltmarkt Fuß zu fassen.

Nebenbei sei erwähnt, dass der Gründer Daniel Ek in Schweden bereits im Jahr 2005 hervorragende Internetverbindungen vorfand, die ihn schon in den frühen Jahren des neuen Jahrtausends dazu brachten, daran zu denken, dass Musikstreaming ein Weltmarkt werden wird. Ob dies zur gleichen Zeit in Deutschland passiert wäre, ist fraglich. Einer unserer Kollegen kämpft heute noch an seinem privaten Wohnort mit einer DSL Verbindung von unter 1000 kbit/s. Hier müssen wir schneller denken und handeln, um Schritt halten zu können und bald wieder digitale Weltmarktführer aus Deutschland in der Welt vorzufinden.

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Der gute neue Datenschutz

Ja ich weiß, Sie können es bestimmt selbst schon nicht mehr hören, aber der Datenschutz ist ein echter Innovationskiller. Wir hören dies immer wieder auch im direkten Gespräch mit unseren Kunden. Da entstehen im Workshop für die neue Website tolle Ideen z.B. für innovative Konfiguratoren oder Assistenten im eCommerce Bereich. Doch oft werden diese Ideen nicht verwirklicht.

Zu groß ist die Angst, sich mit eventuellen Datenschutzproblemen selbst ein Loch zu schaufeln, aus dem man nicht mehr herauskommt, weil die Investitionen in rechtliche Beratung und externe Datenschützer das Unternehmen auffressen würden. Sicherlich waren viele Punkte der neuen Datenschutzgrundverordnung berechtigt und deren Regelung längst überfällig.

Was uns aber auch als Agentur - und ich hoffe, Sie verzeihen mir meine direkte Wortwahl - ordentlich auf die Nerven geht, ist das Fehlen konkreter Aussagen und Regelungen. Egal was man macht, ob man eine Post auf Facebook teilt, einen Bot für seine Website erstellt oder auch nur eine Analyse Software in seiner Website verwendet. Für nichts gibt es klare Regelungen. Oft heißt es, dass er hier noch keine klare Rechtssprechung gibt. Das mag sein liebe EU, aber versteht bitte auch, dass unsere Kunden nicht die Ersten sein wollen, die in einem Gerichtsprozess dann Klarheit darüber haben, ob das, was sie gemacht haben, nun rechtens war oder nicht.

Es müssen klare Regelungen und Praxisbeispiele her, die für Unternehmer verständlich erklären, was sie dürfen und was nicht. Gerade bei digitalen Innovationen ist der zweite Gedanke oft schon das Thema Datenschutz und die Vereinbarkeit der Idee damit. Unternehmen müssen wieder den Mut haben, frei zu denken und die Motivation, Ideen verwirklichen zu wollen, ohne dass man sie dafür danach an den Pranger stellt. Wohlgemerkt, ich spreche nicht von Innovationen beispielsweise im Bereich Maschinenbau, Elektrotechnik, Chemie oder Gesundheit. Hier ist Deutschland nach wie vor Vorreiter und ein absoluter Innovationsweltmeister. Wir sprechen von rein digitalen Lösungen.

Übrigens geht es nicht nur Unternehmen so, dass sie oft nicht wissen, wie sie mit dem Thema "Datenschutz" umgehen sollen, nein auch die Behörden wissen dies oft selbst nicht. Das regionale Landratsamt pinnt seit einiger Zeit ergänzende Hinweise zum Datenschutz oben auf seiner Facebook-Seite. Was insofern datenschutztechnisch bedenklich ist, da ja auch durch den Klick wieder eine Verarbeitung von personenbezogenen Daten stattfindet. Richtig wäre, dies als Notiz zu hinterlegen - zumindest unserem Informationsstand nach. Aber genau das ist das Problem: Die Social Media Beauftragten des Landratsamts haben bestimmt nach bestem Wissen gehandelt, aber es gibt einfach keine eindeutigen Wissensquellen. Was dann am Schluss dabei herauskommt, ist, dass eine für den Endnutzer völlig nutzlose Datenschutzerklärung (die er wahrscheinlich eh nicht verstehen würde aufgrund zahlreicher technischer, nicht vermeidbarer, Fachbegriffe) als wichtigster Punkt auf einer Facebook-Seite erscheint.

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Deutschland und der Datenschutz - ein Kapitel für sich

Wir müssen mutig sein und investieren

Beeindruckend ist die absolute Zahl der Investitionen in Forschung und Entwicklung, wenn man die Deutsche Telekom mit einem Jahresumsatz 2018 in Höhe von 75 Milliarden und Amazon mit 203 Milliarden Euro gegenüberstellt. Während Amazon 24 Milliarden in Forschung und Entwicklung investiert, sind es bei der Telekom gemäß der jeweiligen Geschäftsberichte 57 Millionen. Ja, Sie haben richtig gelesen 24.000.000.000 versus 57.000.000 Euro. Da fehlen einige Nullen beim größten deutschen Digitalunternehmen. (Quelle: spiegel.de ).

Was wir in Deutschland brauchen, ist der Mut zu Investitionen. Den Mut, anders zu denken und lieb gewonnene Denkmuster abzuschütteln. So können wir das Ruder auf jeden Fall noch einmal in die andere Richtung umreißen. Schließlich sind wir ein Land von bestens ausgebildeten Spezialisten und fleißigen, detailverliebten Machern. Ein Volk, das weltweit für seine Qualitätsansprüche bekannt ist. Lassen Sie uns gemeinsam dafür sorgen, dass uns unser “Bewahrertum” nicht gleichzeitig auch vor dem Erfolg mit digitalen Unternehmensmodellen in der Zukunft “bewahrt”.

Aus diesem Grund: Hören Sie hier doch gleich mit dem Lesen auf und überlegen auch Sie, wo Ihre nächste digitale Innovation liegen könnte. Wir wünschen Ihnen viel Spaß beim Innovieren!

Geschrieben von
Florian Werner