Warum die Wahl der richtigen Schriftart so entscheidend ist

・verfasst von Stefan Feldbauer


Wir können uns dem Konsum von Typografie nicht verwehren, genau genommen machen Sie es ganz genau in diesem Moment. Sie lesen diesen Text und blicken dabei auf eine Schriftart, die wir bewusst gewählt haben, weil Sie unserer Meinung nach das ausdrückt, was wir damit ausdrücken wollen.

Aber starten wir langsam. Lassen Sie uns zuerst einen Blick auf die fünf Gründe werfen, warum die Wahl der Schriftart so entscheidend ist. Eine Frage nehmen wir aber vorweg.

Gibt es die perfekte Schrift?

Es gibt tausende verschiedene Schriftarten. Zum Teil von Hobby Designern, zum Teil von Profis und zum großen Teil von darauf spezialisierten Firmen (oft noch bekannt aus Zeiten des Buchdrucks) erstellt. All diese Schriften haben ihren ganz eigenen Charakter. Und das Wort Charakter trifft es hier ganz gut, denn wie der menschliche Charakter hat auch Typografie Ecken und Kanten, ist mal rund und weich, mal hart und laut. Die perfekte Schrift kann es nicht geben, denn es kommt immer darauf an, wo sie eingesetzt werden soll und was Sie damit ausdrücken möchten. Natürlich gibt es solche, die auf vielen Medien gut wirken, die bis ins kleinste Detail ausgearbeitet sind und mit zahlreichen Sonderzeichen und Glyphen auftrumpfen. Aber diese sind maximal „möglichst vielseitig“ und auf keinen Fall perfekt für alles geeignet.

Solche extrem variable Schriften sind z.B. die:

  • Helvetica Neue
  • DIN Regular
  • Open Sans
  • Helvetica

Wichtig ist vor der Entscheidung für eine Schrift zu wissen, wo sie eingesetzt wird und welchen Zweck sie erfüllen soll.

1. Schrift schafft Emotion

Typografie kann dafür sorgen, dass Sie einen Text in Ihrem Kopf eher laut oder leise lesen. Sie kann aggressiv oder ruhig wirken, verspielt oder künstlerisch. Überlegen Sie deshalb immer, welche Emotion Ihre Typografie wecken soll. Wir sprechen hierbei natürlich in erster Linie von Überschriften und nicht von Fließtexten, denn hier sollte zusätzlich auch noch die Lesbarkeit beachtet werden. Hierzu aber später mehr. Mit einer Handschrift können Sie z.B. besonders betonen, wie liebevoll ein Produkt hergestellt wurde oder sogar die „handgemacht-Note“ unterstreichen. Mit einer klaren einfachen Schrift, können Sie Zurückhaltung und Understatement vermitteln, geradezu ideal für eine Bank oder Versicherung. Mit einer geschwungenen Schrift können Sie die künstlerische Note eines Produkts oder sogar Ihres Unternehmens betonen. 

Besonders Versalien, also Großbuchstaben, in dicken serifenlosen Schriftfamilien, sorgen für eine aggressive und plakative Wirkung Ihrer Überschrift. Die Headlines der Bildzeitungen sind ein gutes Beispiel hierfür. Mit wunderschönen Serifen Schriften wie der Optimus Princeps lässt sich Tradition und Werthaltigkeit betonen. Diese bieten sich gerade für teure Marken wie z.B. Rolex an.

Bild einer Firmenausstattung
Schriftarten zu kombinieren erzeugt Spannung. Es entsteht Design, das im Kopf bleibt.

2. Schrift sorgt für eine großartige Kundenerfahrung

Schrift ist dafür verantwortlich, ob man Ihre Inhalte gerne liest oder nicht. Klar, der Inhalt ist natürlich ebenfalls von sehr hoher Bedeutung, aber auch die besten Inhalte sorgen in der falschen Schrift für einen schlechten Lesefluss bei Ihrem Kunden. Das sorgt wiederum für Frust und das Abwenden vom Medium. Das gefährliche dabei ist, dass dies oft ein unterbewusster Prozess ist. Die wenigsten Kunden werden Ihnen das Feedback geben, dass Ihre Schriftfamilie für den Fließtext ungeeignet ist. Zeilenabstände und Zeichenabstände in sehr gut designten Schriftfamilien machen das Lesen zum Genuss und geben dem Auge auch bei kleinen Größen Anhaltspunkte, was das Lesen enorm erleichtert. 

Eine Schrift zu designen ist definitiv kein kleines Unterfangen. Nicht umsonst kosten gute Schriften mehrere hundert oder gar mehrere tausend Euro Lizenzgebühren. Es gibt unglaublich viele Fälle, die man berücksichtigen muss. Schließlich will nicht nur jeder Buchstabe gestaltet werden, sondern man muss auch darauf achten, wie ein Buchstabe nach dem anderen wirkt. Ein Abstand wirkt zwischen einem „m“ und einem „n“ wesentlich kleiner als zwischen einem „a“ und einem „o“, da diese nicht mit geraden Kanten beginnen und enden, sondern mit Rundungen. Dies vergrößert den Raum zwischen den beiden Buchstaben und sorgt für einen größer wirkenden Zeichenabstand. Aus diesem Grund müssen Schriftdesigner all diese Fälle abfangen und die Zeichenabstände hierfür definieren. Zwei nacheinander vorkommende Buchstaben wie beispielsweise das „t“ werden, wenn sie doppelt vorkommen, zur Glyphe, also einem neuen Sonderzeichen. Hierbei werden zwei vertikale Striche mit einem durchgehenden horizontalen Strich gezeichnet, was diese Buchstabenkombination für das Auge deutlich angenehmer macht. Günstige oder schnell erstellte Schriften lassen sich übrigens meistens dadurch erkennen, dass nur sehr wenige oder gar keine Glyphen enthalten sind. Solche Schriften sollten in Fließtexten nicht eingesetzt werden.

3. Typografie schafft Aufmerksamkeit

Eine gut gewählte Typografie sorgt dafür, dass die Blicke an ihr hängen bleiben. Zahlreiche typografische Logos zeigen das eindrucksvoll. Gerade in Headlines lohnt es sich (natürlich je nach Unternehmen) gerne auch mal den Blick über den Tellerrand zu riskieren. Besonders extravagante Schriften können echte Eye-Catcher sein und Ihr Marketing zum Kunstwerk machen!

4. Typografie sorgt für Wiedererkennung

Typografie sorgt für eine schnelle Wiedererkennung. Gerade markante Schriften können von uns schnell und oft auch unterbewusst gewissen Marken zugeordnet werden. Die Typografie spielt dabei freilich neben Logo und Farbwahl nur eine unterstützende Rolle, aber in Kombination mit anderen Elementen der Corporate Identity eines Unternehmens sorgt Schrift dafür, dass die Zuordnung noch schneller und intuitiver klappt. Die Definition der Typografie gehört in jedes Corporate Design Manual und sollte kein Schnellschuss sein. Nur weil die Schriftfamilie sich im Logo gut macht, heißt dies nicht, dass für Ihre Fließtexte gut geeignet ist. Nehmen Sie sich deshalb für die Auswahl Zeit. Machen Sie einige Testdrucke. Von einfachen Rechnungen und Angeboten bis zu mehrseitigen und kleingedruckten Verträgen, sollten Sie einmal alle Dokumente Ihres Firmenalltags sichten und deren Lesbarkeit und Anmutung bewerten. Erst danach kann von einer sinnvollen Schriftwahl gesprochen werden.

Wenn Ihre Unternehmensschrift von einer Agentur definiert wurde, lassen Sie sich genau erklären, warum sich die Agentur hierfür entschieden hat. Lassen Sie sich aber nicht von allgemeinen Floskeln wie „wirkt modern“ täuschen. Fragen Sie ins Detail, und prüfen Sie, ob z.B. Zeichenabstände geprüft wurden, ob die Auswahl der Glyphen gut ist, ob alle Sonderzeichen, die Sie benötigen, vorhanden sind u.v.m. Sie sehen schon, es geht ins Detail und das ist auch gut so. Schrift ist ein toller Bereich im Marketing, denn hier kann meist schnell festgestellt werden, ob man einen kompetenten Ansprechpartner bzw. Designer zur Seite hat.

zwei Hände halten ein Blatt mit Typografie nach oben.

5. Bei der Typografie kommt es auf Details an

Die Details einer Schrift sind ungemein wichtig. Gerade, wenn man den Einsatzzweck berücksichtigt. Gerade im digitalen Bereich ist dies entscheidend. Sie mögen diese Zeilen vielleicht auf Ihrem Smartphone oder vielleicht sogar 4K Monitor lesen, der im Regelfall eine Pixeldichte von ca. 300 Pixel pro Zoll hat. Dies entspricht sogar der Druckauflösung der meisten Visitenkarten. Hier können Sie Schriften fast schon beliebig einsetzen, denn die Pixeldichte ist so hoch, dass es selbst bei kleinen Größen keine Probleme mit Abrundungen geben wird. Aber: digitale Inhalte werden nicht nur auf hochwertigen Geräten konsumiert. Heutzutage sieht man immer noch Monitore mit einer Auflösung von 70 Pixel pro Zoll oder sogar weniger. Sogar viele Smartphones mögen vielleicht über eine gewaltige Auflösung verfügen, aber Android z.B. schaltet diese Auflösung zur Schonung des Akkus gerne auch mal herunter. Viele Notebooks gerade im günstigen Bereich sind oft mit schlecht auflösenden Displays ausgestattet, da das für den Hersteller viel Geld kostet und in zahlreichen Datenblättern nicht auftaucht. Für Sie bedeutet das: rechnen Sie immer damit, dass Ihre Inhalte auch auf diesen Geräten konsumiert werden und auch dort die Schrift funktionieren muss.

Gerade bei einer schlechten Pixeldichte machen Rundungen immer wieder Probleme. Hersteller haben zwar hierfür einige Lösungen und Tricks parat, die die Lesbarkeit verbessern, aber im Idealfall sorgen Sie vor. Verwenden Sie Schriften, die genau auf so etwas ausgelegt sind. Gute Schriften tun das und setzen gerade in kleinen Größen auf weniger Rundungen und intelligente Designtricks. Setzt man beim großen „A“ z.B. den Querstrich etwas nach unten, bleibt auch bei kleinen Schriftgrößen der Freiraum im A immer so groß, dass dieser sichtbar bleibt und nicht „zuläuft“. Wetten, Sie sehen das „A“ jetzt in vielen Schriften mit anderen Augen?

Unser Tipp: Lesen Sie sich die Beschreibung zu Schriften genau durch. Oft steht in diesen für was eine Schrift entwickelt wurde. Hierbei gibt es auch Schriften, die nicht für digitale Anwendungen konzipiert wurden. Diese enthalten oft kleinste Details, die gerade im großformatigen Druck für ein beeindrucktes Erscheinungsbild sorgen, am Display diese Kraft jedoch nicht entfalten können.

Geschrieben von
Stefan Feldbauer